Also ich habe einige Semester Physik studiert, bin nun aber in Richtung Werkstoffingenieurswesen abgewandert. Auch habe ich unter anderem durch Freunde einen kleinen Einblick in andere Studiengänge...
Tja - was kann ich dir erzählen. Ich denke ich erspare dir das Gesülze von wegen wie anders die Uni doch ist als die Schule. Da wird einem zwar viel Wahres erzählt, einige Dinge sind allerdings auch kompletter Blödsinn und oftmals sind sie sehr von dir, deinen Profs und deinem Umfeld abhängig...
Da du ja unter Anderem auch Physik ins Auge gefasst hast werde ich dir dazu mal was erzählen. Ich hab's wie erwähnt im Laufe des vierten Semesters abgebrochen. Es hatte leider nur wenig mit dem zu tun was auf den Informationstagen beschrieben wurde und was ich mir darunter vorstellte. Im Endeffekt muss ich sagen: Du brauchst ein sehr großes Faible für Mathematik, denn auch wenn es nicht den Anschein hat (und das durfte ich dann selber leider erfahren) sind ca. 80-90% der Zeit die du in den ersten paar Jahren verbringen wirst quasi ausschließlich mit Mathematik gefüllt. Für mich (damals noch Diplom) hieß das dann, dass man etwa im ersten Semester noch schön lockere Chemie als Nebenfach hat und jedes Semester eine Veranstaltung über Experimentalphysik, welche man themenmäßig ganz gut mit dem vergleichen kann, was man in der Schule als Physik hat. Prinzipiell war es das dann auch schon was man mit der Physik / Naturwissenschaft so wie du sie dir vorstellst in Verbindung kriegen kann. In den höheren Semestern sieht es dann so aus, dass du quasi nur noch das eine Experimentalphysik-Fach hast, wo du dir wirklich vorkommst, als hättest du was mit Physik zu tun...
Beim Rest ist das leider nicht der Fall. Hier gibt es dann zum einen jedes Semester eine Matheveranstaltung - kann man nicht viel zu sagen ausser, dass es im Vergleich zur Schule recht ungewöhnlich ist, da man eher selten "rechnet". Den Großteil der Zeit verbringt man mit dem Erbringen (und Verstehen!) von Beweisen. Ist zwar recht anspruchsvoll, aber man kann damit leben. Zusätzlich zu diesen so genannten "Höhere Mathematik" Veranstaltungen wirst du auch noch einige wenige Veranstaltungen zu Analysis bzw. Lineare Algebra haben, je nachdem werden's dann sogar dieselben sein wie die der Mathematiker. Klingt soweit ja gar nicht mal so schlimm, denn man weiß ja von vornherein schon, dass man nicht mathescheu sein darf...
Das Problem (zumindest für mich) waren dann aber die "getarnten Veranstaltungen". Das sind dann Dinge wie "Einführung in die Datenverarbeitung" oder die "Theoretische Physik" (mit einem anderem Themengebiet jedes Semester). Klingt gut und interessant, aber es sind letztendlich Matheveranstaltungen. Beim Datenverarbeitungskram geht es letztendlich nicht darum einen Rechner bzw. Software zu verstehen und bedienen zu können, sondern es geht um Stochastik. So war dann auch einer der ersten Kommentare des Profs, dass er zahlreiche mathematische Methoden zur Datenauswertung vorstellen wird, sie uns aber nicht erklären wird. Letztendlich musste man sich also selber versuchen themenmäßig in Mathebüchern nachzuschlagen, wenn man verstehen wollte was man da überhaupt macht und warum es funktioniert...
In der Theoretischen Physik war das nicht viel anders, auch wenn es zugegebenermaßen deutlich mehr Bezüge zur Physik gab. Primär geht es dann darum, irgendwelche Fälle mathematisch zu beschreiben. Will also heissen, dass man im Prinzip nichts anderes macht als irgendeinen Körper zu beschreiben und wie er sich bewegt. Das läuft dann allerdings nicht in der Weise ab, wie du's in der Schul-Mechanik (Newton & Co) kennengelernt hast. Da wird dann halt allgemein in einer gewissen Zahl von Dimensionen und gewissen Rechenregeln und Tricks dran rumgerechnet. Was an mathematischem Handwerkszeug dazu nötig ist wird bzw. wurde dir in den Mathefächern zu dem Zeitpunkt noch nicht beigebracht und dementsprechend darfst du die entsprechenden Schlagworte mal wieder selber in Mathebüchern nachschlagen. So hatte ich dann in diesen Fächern immer das Problem, dass mir im Prinzip klar war was gemacht werden muss und worauf es hinausläuft - nur leider waren die mathematischen Probleme harte Nüsse. Wenn man's nicht gesehen hat glaubt man kaum wie schwierig irgendein Ding sein kann dass sich nur irgendwie dreht und bewegt...

Interessant ist dann auch die Erfahrung, dass wenn dann ein bis zwei Semester später die Dinge die du etwa für die theoretische Physik gelernt hast dann auch in den Mathefächern auftauchen du da trotzdem keinen Plan haben wirst, da es dort wieder mal nicht so sehr um die praktische Anwendung, sondern um den Beweis von Zusammenhängen der ganzen Gesetzmäßigkeiten gehen wird...
An einem gewissem Punkt habe ich dann die "Notbremse" gezogen, weil obwohl ich versucht habe mich durchzubeissen einfach zu blöd wurde. Die Experimentalphysik hat mir viel Spaß gemacht und auch mit den Mathefächern - selbst wenn sich deren praktische Bezug für die Zukunft nie ganz erschlossen hat - hätte ich leben können. Dass der Teil der theoretischen Physik dann aber auch noch derartig in den Mathebereich abdriftete und man auch noch vorgesetzt bekommt, dass das was man da lernt für über 95% der Absolventen egal sein wird, da nur sehr wenige sich auf die theoretische Physik spezialisieren war für mich dann einfach zuviel. Ich bin der Mathematik gegenüber nicht abneigend eingestellt, aber dann über mehrere Semester hinweg quasi nur das eine Fach der Experimentalphysik zu haben, dass nicht quasi nur aus dem Nacharbeiten von mathematischen Fragen besteht war mir dann zuviel. Hier hätte ich mir eine Einführungsveranstaltung gewünscht, die einem das auch klarmacht. Die ganzen Informationstage bestehen ausschließlich aus Experimentalphysik mit der Anmerkung, dass natürlich auch Mathe vorkommt. Das Studium präsentierte sich dann aber vielmehr als Mathestudium mit dem kleinen Nebenfach Physik. In den höheren Semestern soll sich das wohl bessern (vor allem weil dann der theoretische Kram als Pflichtfach größtenteils wegfällt und wenn man es denn so wählt durch Experimentalphysik Fächer ersetzte werden)...
Für mich war es das die Quälerei durch die Mathefächer dann aber doch nicht wert und ich bin dann auf den Werkstoffingenieursstudiengang gewechselt wo ich mir sicher war, dass mir nicht zig getarnte Mathefächer begegnen würden. Inzwischen gibt es ja nun das Bachelor System. Was ich von einigen Bekannten dazu gehört habe ist eher zwiegespalten. Interessant fand ich, dass es im ersten Semester jetzt eine eigene Veranstaltung namens "Einführung in die theoertische Physik" gibt, wo man eben viele mathematische Methoden im Hauruck-Verfahren gezeigt bekommt. Auch waren Professoren teilweise wohl etwas ungehalten, dass dann dafür etwa eine theoretische Physikveranstaltung vom Winter- ins Sommersemester verlegt wurde ohne den Stoff zu kürzen (man bemerke: Von der Vorlesungszeit her ist das Sommersemester kürzer). Teilweise gab's im ersten Semester wohl auch Probleme, da wolh unter anderem wegen der neuen Einführungsveranstaltung das offiziell zulässige Stundenpensum pro Woche überschritten wurde. Des Rätsels Lösung war dann etwa, dass man halt etwa die Übung für das Chemie Fach offiziell nicht mehr besuchen musste. Nette Augenwischerei, aber im Endeffekt nur ein Hinweis darauf, dass das Studium zumindest in dem Semester eigentlich überladen ist...
Tja - ansonsten kann ich nur grob was Erzählen. Informatik ist ebenfalls eins der "matheverseuchten" Fächer, wobei das meiner Meinung nach besser Vorauszusehen ist, da du dem Computer ja alle Probleme umschreiben musst. Von daher liegt die Zahl der Mathefächer nochmal eine ganze Schippe höher als in Physik. Dann gäbe es da noch die Elektrotechnik, welches sich mir gegenüber immer als ein wenig merkwürdig dargestellt hat. Mit einem Mathegehalt der in etwa dem bei Physik gleichkommt muss der Schwierigkeitsgrad einiger Veranstaltungen wohl legendär sein. Ich kenne einen Diplomer der nun fast durch ist und wie oft der mir von Veranstaltungen mit 90-95% Durchfallquote erzählt hat ist nicht mehr feierlich...
Dementsprechend habe ich auch großen Respekt vor Leuten, die sich durch ein Mathe-, Physik-, Elektrotechnik- oder Informatikstudium schlagen. Es sind die bei weitem schwierigsten Studiengänge die ich kenne...
So - zum Schluss vielleicht noch kurz was zum Thema Bachelor, weil darüber ja viel geredet wird. Ist es gut oder schlecht? Ich kann es nicht sagen. Ich denke es hängt stark vom Studiengang ab. Tendentiell ist es aber mit Sicherheit eine Verschlechterung, da das neue "Regelwerk" quasi ausschließlich Nachteile für Studenten hat und Vorteile hauptsächlich nur für die Abarbeitung von den Nummern, die die Studenten am Ende nuneinmal sind. Da wird in einigen Fächern für jeden Furz nen Test geschrieben, es gibt ständige Anwesenheitspflichten und so weiter. Hatte beim Einführen des Bachelors bei den Architekten wohl auch dazu geführt, dass nicht wenige in den Vorlesungen einfach umgekippt sind. Schwächeanfälle wegen Überarbeitung. Fand ich nicht prickelnd zu hören. Gleichzeitig will ich aber auch keine Angst vor'm Studium machen. Hängt sicherlich vieles von der Einstellung und vom jeweiligem Studienfach ab. Einige müssen sich vielleicht damit abfinden nicht immer Noten im Einser- oder Zweierbereich abzusahnen - ist am Ende wahrscheinlich gesünder. Im Bereich Werkstoffingenieurswesen etwa fand ich die Bachelor-Folgen (gehöre da ja jetzt mit dazu) erträglich. Es gibt zwar einige strunzdumme Regelungen, aber ich würde es im großen Ganzen als "fair" bezeichnen...